Vorhalle

Die Friese an den Säulenkapitellen
sind kein Zierat. Sie sind zu "lesen" als
Symbole des Lebens:

Obere Reihe:
In den Schlingen und Doppelschlingen
verfängt sich das Böse und verliert so seine
Macht über den, der die Kirche betritt.

Untere Reihe:
Aaronstab und Weinstock gelten als
Symbole des Lebens. Aarons dürrer,
abgestorbener Zweig treibt im heiligen
Zelt (Stiftshütte) Mandelzweige.

Wer an Christus als dem Weinstock
bleibt, der wird leben und dessen Leben
wird Frucht bringen
(Johannes 15).

Die "unvollendete" Säule

Wenn Sie den Vorraum zwischen Vorhalle
und Seitenschiff von der nördlichen Seitentür
her betreten, sollten Sie Ihren Blick auf die
Säule zwischen Turm und Vorhalle richten.
Der Vorhalle, dem "Paradies" zugewandt,
ist die Säule vollendet.
Dem Besucher aus dem Norden - dem ehemaligen Eingang für die "weltliche Obrigkeit"
- zeigt sich die Säule dagegen unvollendet:
sie schließt in halber Höhe mit einem sich
verjüngenden Stumpf ab.
Ist dem Baumeister hier ein Planungsfehler
unterlaufen oder wollte er damit etwas
Bestimmtes zum Ausdruck bringen?
Der Säulenstumpf sagt zweierlei:

Der Baumeister bringt seine Unvollkommenheit
bewußt und zeichenhaft zum Ausdruck.
Das "Paradies" ist vollendet, die Welt ist
unfertig und fehlerhaft. Der Baumeister
ermahnt sich und seine weltliche Obrigkeit
an die eigene Unvollständigkeit. Wir können
unsere Vorhaben nur bruchstückhaft
verwirklichen.

Unser Leben ist endlich. Gott wird es aber
vollenden. Diese unvollendete Säule - wie
unser Leben - vermindert sich plötzlich
mitten in der Aufwärtsbewegung, um dann
zu verschwinden. In ihrer sich verjüngenden
Bewegung geht die Säule dann über in das
Ganze. Sie geht auf im "Paradies".
Die Liebe hört niemals auf.
Unser Wissen ist Stückwerk.
Wenn aber kommen wird das
Vollkommene, so wird das Stückwerk
aufhören.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein
dunkles Bild; dann aber von Angesicht
zu Angesicht. Jetzt erkenne ich
stückweise; dann aber werde ich
erkennen, wie ich erkannt bin.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung,
Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die
größte unter ihnen.
(1. Korinther 13,8-13)
Freunde, daß der Mandeizweig
wieder grünt und treibt.
Ist das nicht ein Fingerzeig,
daß die Liebe bleibt.

Daß das Leben nicht verging,
so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering
in der trübsten Zeit.
Schalom Ben Chorin
Evang. Gesangbuch 655